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10.07.19

Von wegen exotisch! Hepatitis E ist das häufigste Hepatitisvirus in Deutschland

Blutprodukte werden künftig getestet; am 28. Juli 2019 ist Welt-Hepatitis-Tag


Köln
. Das Hepatitis-E-Virus wurde lange Zeit als Reisekrankheit aus fernen Ländern wie z.B. Indien angesehen, wo diese Infektion oft über verunreinigtes Wasser übertragen wird. Heute wissen wir: Hepatitis E ist schon seit Jahrzehnten in Deutschland heimisch – und viel weiter verbreitet als die bekannten Viren der Hepatitis A, B und C. Besonders viele Hepatitis-E-Infektionen in Deutschland erfolgen durch rohes oder unzureichend gegartes Fleisch von Haus- und Wildschweinen, wie zum Beispiel Schweinemett, luftgetrocknete Salami und Leberwurst. Rohes Fleisch von Rotwild kann ebenfalls zu Infektionen führen. Hepatitis E kann jedoch auch Vegetarier betreffen, wenn Feldfrüchte wie Erdbeeren oder Rucolasalat mit Tierfäkalien gedüngt werden. Blutprodukte sind eine weitere mögliche Ansteckungsquelle, die aber künftig ausgeschaltet werden soll.

 

Immer mehr Fallberichte: Mehr Infektionen oder nur mehr Aufmerksamkeit

Dem Robert-Koch-Institut werden seit einigen Jahren immer mehr Hepatitis-E-Infektionen gemeldet. Hierbei ist unklar, ob die Zahl der Infektionen zunimmt oder einfach dank der größeren Aufmerksamkeit häufiger auf Hepatitis E untersucht wird. Knapp 17% der deutschen Bevölkerung tragen Antikörper gegen Hepatitis E in sich. Ältere Menschen haben häufiger Spuren einer durchgemachten Infektion als Jüngere: Bei Menschen unter 30 Jahren finden sich nur bei etwa 5% Antikörper, bei  Menschen über 60 kann je nach Untersuchung jeder Vierte betroffen sein.

 

Keine Impfung in Deutschland und Europa verfügbar

Gegen Hepatitis E ist in Deutschland und Europa noch kein Impfstoff verfügbar. In China gibt es zwar seit 2012 einen Impfstoff, doch dieser basiert auf einem anderen Untertyp des Hepatitis-E-Virus (Genotyp 1). Es ist unklar, ob dieser Impfstoff auch gegen den Genotyp 3 schützen würde, der in Deutschland und Europa besonders weit verbreitet ist.

 

Meist milder Verlauf – aber Komplikationen möglich

Eine Neuinfektion mit Hepatitis E verläuft bei sonst gesunden Menschen in den allermeisten Fällen symptomlos. In einigen Fällen können Hepatitis-typische Symptome wie Müdigkeit,  Übelkeit oder eine Gelbfärbung der Haut und Augen auftreten. Viele Betroffene machen daher eine Infektion durch, ohne dies überhaupt zu merken.

Hepatitis E ist jedoch nicht immer harmlos: In einigen Fällen kann die Infektion zu neurologischen Komplikationen führen, wie z.B. starken Schmerzen und sogar Lähmungs­erscheinungen. In Indien, wo ein anderer Untertyp von Hepatitis-E-Viren vorherrscht (Genotyp 1), gab es Berichte über Leberversagen bei Schwangeren. In Europa und auch Deutschland ist eher der Genotyp 3 des Hepatitis-E-Virus verbreitet, welcher für Schwangere weniger gefährlich zu sein scheint. Doch auch der Genotyp 3 hat tückische Eigenschaften: Wer schon leberkrank ist und sich zusätzlich mit einer Hepatitis E infiziert, kann schlimmstenfalls ein akutes Leberversagen erleiden.

 

Chronische Hepatitis E: selten, aber gefährlich

Über viele Jahre dachte man, Hepatitis E verlaufe angeblich niemals chronisch. Inzwischen weiß man dies besser: Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem, wie z.B. Organtransplantierten oder AIDS-Patienten, kann eine Hepatitis E chronisch werden und dann aggressiver verlaufen als andere Hepatitisinfektionen: Es wurde von Menschen mit chronischer Hepatitis E berichtet, die in nur ein bis drei Jahren eine vollständig vernarbte Leber, also eine Leberzirrhose entwickelten.

Chronische Hepatitis E ist im Notfall behandelbar, obwohl offiziell keine Arzneimittel gegen das Virus zugelassen sind. Ein altes Medikament aus der Hepatitis-C-Medizin, das Ribavirin, kann in schweren Fällen auch zur Behandlung der Hepatitis E eingesetzt werden und die Infektion ausheilen. Allerdings hat Ribavirin viele Nebenwirkungen wie z.B. Blutarmut und darf Schwangeren nicht gegeben werden. Zudem gibt es Menschen, die auf diese Behandlung nicht ansprechen. Bisher gibt es praktisch noch keine Therapiealternativen. Kürzlich scheiterte eine Studie, welche ein weiteres Hepatitis-C-Medikament namens Sofosbuvir gegen Hepatitis E untersuchte.

 

Hepatitis E in Blutprodukten: Testung ab 2020 bzw. 2021 vorgesehen

Blutprodukte werden in Deutschland seit langer Zeit auf Hepatitis B und C sowie HIV getestet, bisher aber noch nicht auf das Hepatitis-E-Virus. In der Vergangenheit wurden mehrfach Übertragungen des Hepatitis-E-Virus beobachtet, welches insbesondere bei Menschen mit Immunschwäche (die auch häufiger Blutprodukte benötigen) in bis zu 50% der Fälle chronisch werden kann. Aus diesem Grund hat das Paul-Ehrlich-Institut nun angeordnet, dass Blutspenden verbindlich auf die Hepatitis-E-Virusinfektion untersucht werden sollen.

Die Testung von Blutprodukten wird in zwei Stufen eingeführt. Ab dem 1. Januar 2020 ist die Testung verbindlich für alle  Erythrozyten- und Thrombozytenkonzentrate und für Stammzellpräparate aus Nabelschnurblut bzw. peripherem Blut oder Knochenmark. Für sogenannte therapeutische Frischplasmen, die als langfristiger Vorrat in Quarantäne gelagert werden, war diese Frist nicht einhaltbar. Hier gilt eine noch längere Übergangsfrist von anderthalb Jahren bis zum 1. Januar 2021.

Für Menschen, die dringend Blutprodukte benötigen, ist dies natürlich kein Grund, diese bis 2020 oder bis 2021 abzulehnen. Es gibt unklare Angaben, wie hoch das Risiko einer Hepatitis-E-Infektion derzeit ist. Laut zwei Studien könnte etwa einer von 1.200 bzw. 4.525 Blutspendern eine aktive Hepatitis-E-Infektion in sich tragen, bei welcher die HEV-RNA positiv ist.

Wir hätten uns eine noch schnellere Einführung dieser Tests gewünscht. Da es aber noch im letzten Herbst aufgrund der Testkosten erhebliche politische Widerstände gab, überhaupt Hepatitis-E-Tests von Blutspenden einzuführen, sind wir froh, dass die Testung nun zumindest grundsätzlich beschlossen und angeordnet ist. In der damaligen Diskussion wurde vorgebracht, dass Hepatitis E bei Gesunden in 99% der Fälle von selbst ausheile; doch wer Blutspenden benötigt, ist natürlich nicht gesund und bei Immunschwäche kann sogar die Hälfte der Hepatitis-E-Infektionen chronisch verlaufen. Diese können unbehandelt innerhalb von gerade einmal ein bis drei Jahren zu einer Zirrhose führen – viel rasanter als andere chronische Hepatitisinfektionen. Dieses Argument hat letztendlich dazu beigetragen, dass die Testung auch in Deutschland kommt.

Deutsche Leberhilfe e.V.

 

Quellen:

  1. Robert-Koch-Institut. RKI-Ratgeber Hepatitis E. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_HepatitisE.html; letzter Zugriff 26.6.2019
  2. Klingler M: Hepatitis-E-Test bei Blutspenden. https://www.gelbe-liste.de/nachrichten/hepatitis-e-blutspenden; letzter Zugriff 26.6.2019.
  3. Cornberg M et al.: Efficacy and safety of sofosbuvir monotherapy in patients with chronic hepatitis E: The HepNet SofE pilot study. ILC 2019; LB-04.
  4. EASL Clinical Practice Guidelines on hepatitis E infection. http://www.easl.eu/research/our-contributions/clinical-practice-guidelines/detail/easl-clinical-practice-guidelines-on-hepatitis-e-virus-infection Letzter Zugriff 26.6.2018
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